Herz, was verlangst du mehr? - Hans im Glück
Als ich mein erstes eigenes Grimm-Märchenbuch hatte - ein großes dickes Buch in dem alle Märchen in ihrer Originalform enthalten waren - war ich dem Alter nach noch ein Kind, aber im Herzen schon erwachsen. Ich kann mich ganz gut daran erinnern, dass mir zu der Zeit Märchen wie Hans im Glück ein ungutes Gefühl vermittelten. Ein lähmendes Gefühl von Ungeborgensein. Eine drohende Vorahnung lauernder Enttäuschungen.
Zum
Glück hat mein innerliches Erwachsensein nicht lange gedauert. Nach
ein paar Jahren schon hatte ich das Kind in mir wiedergefunden und
seitdem betrachte ich die Welt mit kindlichen Augen und mit einem
königlichen Verstehen.
Und so ist auch Hans im Glück zu meinem Freund und
Liebling geworden. Ein Freund, auf den ich mich verlassen kann und bei
dem ich mir manches abgucken kann. Denn ich habe es längst erkannt,
welcher der eingize Wunsch ist, der in all unseren anderen Wünschen
verborgen ist - der Wunsch, glücklich zu sein.
Soll ich mich seiner schämen, weil er so einfältig zu sein scheint und immer wieder ein schlechtes Geschäft macht?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich bewundere ihn
viel mehr für seine Fähigkeit, immer und immer wieder, "mit tausend Freuden" das Gute an seiner neuen Situation zu entdecken.
Und
ich will auch zu jedem Menschen "Gott lohn Eure Freundschaft" sagen und
es auch meinen. Selbstbetrug? Nein. Es ist tiefgehende, für den
menschlichen Verstand unbegreifliche Lebensweisheit - denn wenn diese
meine innere Einstellung ist, dann kann mir kein Mensch schaden, egal
wie wenig redlich seine Absichten sind. Gott ist derjenige der lohnt und
jeder bekommt genau das, was er sich erhofft hat.
Hans
ist kein Dummkopf. Sonst hätte ihn sein Meister nicht so hoch gelobt
und mit einem Goldklumpen, der so groß wie sein Kopf war, belohnt. Auch
hätte er ihn nicht für sieben Jahre in seiner Lehre behalten. Ob der
erlernte Beruf er eines Goldschmiedes war? Wäre gut möglich. Warum hat
er dann nicht sofort daran gedacht, dass sein Handwerk und der
Goldklumpen ihm nützlich sein könnten? Er hatte es eilig, in seine
Heimat, in das Haus seiner Mutter zurückzukehren. Erst als ihm der
Scherenschleifer sagt, dass "das Handwerk einen güldenen Boden hat",
erscheint es ihm als wünschenswert, völlig vergessend, dass er sein
eigenes Handwerk hatte, das womöglich noch wertvoller war.
Habe
ich es nicht genauso gemacht? Den Goldklumpen, den ich mit mir
herumschleppte habe ich als eine zu große Bürde empfunden, eben weil ich
noch nicht zu Hause angekommen war. Und in all diesen Jahren habe ich
mein Handwerk vergessen und nach menschlichen Standarten vieles versäumt
und viele unvorteilhafte Tausche gemacht. Und als ich von Hunger und
Durst geplagt wurde, habe ich gejammert, wie Hans. Ich habe dieses und
jenes versucht, um aus den jeweiligen Notsituationen herauszukommen und
habe mich jedesmal beraten lassen von denen, die sich auszukennen
schienen, weil es ihnen offensichtlich so gut ging.
Nur
eines muss ich noch lernen, eines noch verstehen: Die Reise und das
Angekommensein sind zeitgleich. Die eine schließt das andere nicht aus,
denn am Leben sein bedeutet ständig auf der Reise sein und gleichzeitig
ständig zu Hause sein.
Also
will ich wie Hans weiterziehn und darüber nachdenken, wie mir doch
alles nach dem Wunsch geht und wie "jede Verdrießlichkeit letzendlich
wieder gut gemacht wird."
"Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen, und wie er immer so vorteilhaft getauscht hätte."
Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine
Augen leuchteten vor Freude, "ich muß in einer Glückshaut geboren sein,"
rief er aus "alles, was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem
Sonntagskind."
Die
meisten würden sagen, es ist Selbstbetrug. Aber eigentlich ist es der
Schlüssel zum Glücklichsein und dadurch der Schlüssel zum wirklichen
Vorteil. Und was ich darunter verstehe ist eine Situation, in der jeder
Beteiligte im Vorteil ist. Jeder so, wie er es gerade braucht und
wünscht. Und wie es seinem höchsten Ziel entspricht. Hans höchstes Ziel
war, nach Hause zu kommen und sein Vorteil ist jedes Mal, dass ihm der
Weg erleichtert wird, vom ersten Tausch bis zum letzten Vorfall am
Brunnen. Ein Zufall, durch den er alles verliert, was aber für ihn im
Moment genau das Richtige darstellt.
"Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen,
sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen in
den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine
so gute Art, und ohne daß er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von
den schweren Steinen befreit hätte, die ihm allein noch hinderlich
gewesen wären. 'So glücklich wie ich,' rief er aus, 'gibt es keinen
Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller Last
sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war."



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