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Location: Hanau, die Brüder-Grimm-Stadt, Hessen, Germany

Ich bin "eine Flöte durch deren Herz sich das Flüstern der Stunden in Musik verwandelt." Khalil Gibran

Thursday, September 27, 2012

Herz, was verlangst du mehr? - Hans im Glück


Als ich mein erstes eigenes Grimm-Märchenbuch hatte - ein großes dickes Buch in dem alle Märchen in ihrer Originalform enthalten waren - war ich dem Alter nach noch ein Kind, aber im Herzen schon erwachsen. Ich kann mich ganz gut daran erinnern, dass mir zu der Zeit Märchen wie Hans im Glück ein ungutes Gefühl vermittelten. Ein lähmendes Gefühl von Ungeborgensein. Eine drohende Vorahnung lauernder Enttäuschungen.
Zum Glück hat mein innerliches Erwachsensein nicht lange gedauert. Nach ein paar Jahren schon hatte ich das Kind in mir wiedergefunden und seitdem betrachte ich die Welt mit kindlichen Augen und mit einem königlichen Verstehen.

Und so ist auch Hans im Glück zu meinem Freund und Liebling geworden. Ein Freund, auf den ich mich verlassen kann und bei dem ich mir manches abgucken kann. Denn ich habe es längst erkannt, welcher der eingize Wunsch ist, der in all unseren anderen Wünschen verborgen ist - der Wunsch, glücklich zu sein.

Soll ich mich seiner schämen, weil er so einfältig zu sein scheint und immer wieder ein schlechtes Geschäft macht?
Nein, ganz im Gegenteil. Ich bewundere ihn viel mehr für seine Fähigkeit, immer und immer wieder, "mit tausend Freuden" das Gute an seiner neuen Situation zu entdecken. 
Und ich will auch zu jedem Menschen "Gott lohn Eure Freundschaft" sagen und es auch meinen. Selbstbetrug? Nein. Es ist tiefgehende, für den menschlichen  Verstand unbegreifliche Lebensweisheit - denn wenn diese meine innere Einstellung ist, dann kann mir kein Mensch schaden, egal wie wenig redlich seine Absichten sind. Gott ist derjenige der lohnt und jeder bekommt genau das, was er sich erhofft hat.

Hans ist kein Dummkopf. Sonst hätte ihn sein Meister nicht so hoch gelobt und mit einem Goldklumpen, der so groß wie sein Kopf war, belohnt. Auch hätte er ihn nicht für sieben Jahre in seiner Lehre behalten. Ob der erlernte Beruf er eines Goldschmiedes war? Wäre gut möglich. Warum hat er dann nicht sofort daran gedacht, dass sein Handwerk und der Goldklumpen ihm nützlich sein könnten? Er hatte es eilig, in seine Heimat, in das Haus seiner Mutter zurückzukehren. Erst als ihm der Scherenschleifer sagt, dass "das Handwerk einen güldenen Boden hat", erscheint es ihm als wünschenswert, völlig vergessend, dass er sein eigenes Handwerk hatte, das womöglich noch wertvoller war.

Habe ich es nicht genauso gemacht? Den Goldklumpen, den ich mit mir herumschleppte habe ich als eine zu große Bürde empfunden, eben weil ich noch nicht zu Hause angekommen war. Und in all diesen Jahren habe ich mein Handwerk vergessen und nach menschlichen Standarten vieles versäumt und viele unvorteilhafte Tausche gemacht. Und als ich von Hunger und Durst geplagt wurde, habe ich gejammert, wie Hans. Ich habe dieses und jenes versucht, um aus den jeweiligen Notsituationen herauszukommen und habe mich jedesmal beraten lassen von denen, die sich auszukennen schienen, weil es ihnen offensichtlich so gut ging.

Nur eines muss ich noch lernen, eines noch verstehen: Die Reise und das Angekommensein sind zeitgleich. Die eine schließt das andere nicht aus, denn am Leben sein bedeutet ständig auf der Reise sein und gleichzeitig ständig zu Hause sein.
Also will ich wie Hans weiterziehn und darüber nachdenken, wie mir doch alles nach dem Wunsch geht und wie "jede Verdrießlichkeit letzendlich wieder gut gemacht wird."

"Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen, und wie er immer so vorteilhaft getauscht hätte."
Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, "ich muß in einer Glückshaut geboren sein," rief er aus "alles, was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem Sonntagskind."

Die meisten würden sagen, es ist Selbstbetrug. Aber eigentlich ist es der Schlüssel zum Glücklichsein und dadurch der Schlüssel zum wirklichen Vorteil. Und was ich darunter verstehe ist eine Situation, in der jeder Beteiligte im Vorteil ist. Jeder so, wie er es gerade braucht und wünscht. Und wie es seinem höchsten Ziel entspricht. Hans höchstes Ziel war, nach Hause zu kommen und sein Vorteil ist jedes Mal, dass ihm der Weg erleichtert wird, vom ersten Tausch bis zum letzten Vorfall am Brunnen. Ein Zufall, durch den er alles verliert, was aber für ihn im Moment genau das Richtige darstellt. 

"Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine so gute Art, und ohne daß er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte, die ihm allein noch hinderlich gewesen wären. 'So glücklich wie ich,' rief er aus, 'gibt es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war."

Das allerschönste an dieser Geschichte ist, das sie nicht zu Ende ist. Sie ist eher ein Anfang. Der Anfang eines neuen und glücklichen Lebens, daheim, bei der Mutter. Da wo alles, selbst das Unmögliche, möglich ist.

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