Lady Harmony, an all jene, die darin eine Bedeutung für sich finden können:
"Wir Königstöchter wissen genau, daß die Männer die wir lieben, die Könige unserer Herzen, sich von Zeit zu Zeit von uns loslösen müssen, um ihre Wege zu gehen – sei es auf die Jagd, sei es in den Krieg, oder um die Schätze zu suchen, die auf sie allein warten...
Obwohl wir manchmal das Gefühl haben, daß sie uns nicht mehr lieben, daß sie an uns vielleicht keinen Gefallen mehr haben, ist dem nicht so. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz ihres Wesens, das sie immer wieder in die Ferne treibt, und wenn wir das zulassen, dann ist es für sie möglich, auch immer wieder zu uns zurückzukehren.
Würden wir sie an uns festbinden und zurückhalten wollen, dann würden sie immer betrübter und unruhiger werden und sie würden, von Sehnsucht verzehrt, in unseren Armen verkümmern. Die Schätze würden für immer vergraben bleiben, der Goldene Hirsch würde nutzlos durch die Felder jagen und der Feind, gegen den der König nicht ausgezogen ist, würde letztendlich das Land erobern. Welch schwere Folgen das mit sich bringen würde, das können wir am Anfang gar nicht verstehen...
Es ist wohl am einfachsten zu verstehen, daß der König in den Krieg ziehen muß, wenn der Feind das Land bedroht. Würde Er den Kampf gegen seine eigenen Zweifel und Ängste nicht aufnehmen, dann würden diese Ihn schließlich besiegen und das ganze Königreich unserer Liebe wäre zerstört. Ist es wirklich das, was wir uns wünschen? Einen verwundeten oder sogar leblosen Mann in unseren Armen? Nur dann wäre Er wirklich in Gefahr, denn auf dem Schlachtfeld könnte Er zwar verwundet werden, doch würde Er immer siegreich heimkehren...
Ist der Mann, den unser Herz liebt, tatsächlich ein König, dann muß Er auf die Jagd gehen und dem Goldenen Hirsch nachsetzten, selbst wenn Er weiß, daß es Ihm nicht gegeben ist, dieses göttliche Tier auch zu fangen... Doch wie töricht wäre es, Ihm vorzuwerfen, daß Sein Jagen sinnlos ist! Es geht ja gar nicht um den Hirsch, sondern es geht darum, daß Er, der König, eben durch die Jagd nach Seinen höchsten Idealen, herausfindet, wer Er wirklich ist, daß Er Seine eigene Kühnheit, Seine eigene Tapferkeit und Seinen Starkmut erkennt und erlebt. Die Erfahrung der Jagd durch den geheimnisvollen Wald bereichert Seine Seele und jedes Mal, wenn Er heimkehrt, ist Er schöner, lebensfroher und gewiß auch sehnsüchtig, uns Seine neugeborene Männlichkeit zu schenken.
Der König unseres Herzens ist reich wie kein anderer, Seine Schatzkammern bersten von allen erdenklichen Schätzen. Doch dort draußen, im Herzen des Berges, oder auf dem Grunde des Meeres, oder zwischen den Dünen der Wüste liegen verborgene Schätze anderer Art... Darum wird Er es einfach nicht länger bei uns aushalten, Er wird sich auf den Weg machen, um nach diesen Schätzen zu suchen. Wenn wir verstehen, daß Er keinen größeren Wunsch hat als den, mit dem ersehnten Schatz zu uns zurückzukehren und ihn uns vor die Füße zu legen, dann werden wir Ihn am Gehen nicht hindern. Der Tag Seiner Rückkehr wird immer ein Tag unsagbarer Freude sein, ein Anlaß zum Feiern, zum Zelebrieren.
Unsere Aufgabe ist es, daheim zu bleiben und Ihn von ganzem Herzen ziehen zu lassen. Wir können Ihn nicht begleiten und wir sollten Ihn auch nicht durch unsere Tränen oder Vorwürfe aufhalten. Wir sollten Ihm vielmehr unseren liebevollen Segen schenken, unsere fröhliche Zuversicht als Begleiter, unser vollkommenes und liebevolles Vertrauen als Wegzehrung mitgeben. Dann wird Er leichten Herzens gehen können und die Vorfreude auf das Wiedersehen wird Ihm auf all Seinen Wegen leuchten.
Warum wir Ihn nicht begleiten können? Die Antwort ist ganz einfach, weil wir ein Kind erwarten... Im Reiche der Liebe sind wir, Königstöchter, immer werdende Mütter... Wir tragen unter dem Herzen die Frucht und die Verheißung unserer königlichen Liebe. Daher besteht unsere Aufgabe darin, daheim zu bleiben, den Garten zu pflegen, unsere Schönheit zu vermehren und die Frucht der Liebe in uns wachsen zu lassen.
Nun ist es aber so, daß manchmal gerade in der Abwesenheit des Geliebten, die böse Stiefmutter auftaucht. Sie ist nicht die rechte Mutter, sie ist nicht die wahre, bedingungslose, göttliche Liebe. Sie nennt sich Mutter, also Liebe, aber sie ist eine Stiefmutter, eine Ersatzliebe. Eine Liebe nach den Regeln der Welt, nicht nach der königlichen Ordnung. Sie ist voll Neid und Mißgunst, und sie will uns einreden, daß unser König uns eigentlich nicht liebt, sonst würde Er ja niemals gehen... Sie hat keinen anderen Gedanken als den der Trennung und ihr Ziel ist es, an unserer Stelle ihre eigene Tochter, die häßlich wie die Nacht und einäugig ist, zur Geliebten des Königs zu machen. Diese Tochter ist ein falsches Ich und selbst wenn ihre Mutter, die falsche Liebe, ihr durch Hexerei unser eigenes Ansehen verleihen kann, bleibt sie für immer einäugig. Denn ein falsches Ich hat niemals die Klarsicht und die Ganzheit unseres wahren Selbst...
Die böse Stiefmutter, die falsche Liebe, kommt also mit Strategien. Sie meint, es besser zu wissen, sie will uns lehren, wie wir die Liebe des Königs für immer gewinnen können. Das was sie anbietet scheint, auf ersten Blick, sehr nützlich zu sein, doch letztendlich wirkt es immer tödlich. Sind wir nicht imstande, die böse Stiefmutter rechtzeitig zu erkennen, selbst dann wenn sie die Gestalt der Kammerfrau annimmt, dann werden wir auf ihre Stimme hören und ihr zum Opfer fallen. Dann wird die falsche Königin, unser falsches Ich, an unserer Stelle im Bett liegen und auf den König warten. Die böse Hexe wird womöglich alles im Dunkeln und Verborgenen behalten wollen, damit der König nicht merke, daß die falsche Königin nur ein Auge hat. Dies lassen wir immer zu, wenn wir nicht gleich die Wahrheit sagen, über das Geschehene, über unsere Gefühle, wenn wir nicht ins Licht blicken wollen.
Und selbst wenn es soweit kommen sollte, daß die falsche Liebe den Platz der rechten Liebe einnimmt, ist die Rettung aus der Not und der Zugang zum Herzen des Königs immer die Liebe und Hingabe an das Kind, an die Frucht der Liebe. Wenn wir diesem königlichen Kinde treu bleiben, wenn wir es stillschweigend, ohne zu klagen, und mit aller Liebe und Sorgfalt pflegen, dann kann es sein, daß der König es merkt und sich dann vornimmt, selber bei dem Kind zu wachen, um nachzusehen, wer die nächtliche Besucherin Seiner Träume ist... Dann wird der Augenblick kommen, daß Er uns wieder erkennt und voller Freude zu uns sagt: „Du kannst niemand anders sein als meine liebe Frau!“ Und in dem Augenblick sind wir erlöst, wir erhalten unser Leben zurück und wir dürfen Ihm antworten: „Ja, ich bin Deine liebe Frau...“
Mag es auch noch so märchenhaft erscheinen, es ist immer möglich, daß wir unser Leben zurückbekommen, denn die Liebe ist immer stärker als der Tod.
Aber wäre es denn nicht besser, es gar nicht so weit kommen zu lassen, und wachsam zu sein, so daß die böse Stiefmutter uns gar nicht betören kann?
Selbst wenn unsere rechte Mutter, die wahre Liebe, nicht mehr bei uns ist, ist sie nicht für immer tot... wir, Königstöchter, sind berufen, durch die Liebe zu unseren Männern, selber zu Müttern, zu Trägerinnen der wahren, bedingungslosen Liebe zu werden."